Der Eiermann-Tisch: Wie ein Zeichentisch aus Karlsruhe zum Klassiker wurde
Einige der einflussreichsten Möbel des 20. Jahrhunderts waren nie als Möbel gedacht, sondern als Arbeitsgerät. Der Eiermann-Tisch ist das beste Beispiel dafür: zwei seitliche Rahmen aus Stahlrohr, ein Kreuz dazwischen, eine Platte obenauf. Er entstand in einer Hochschulwerkstatt für Menschen, die einen Platz zum Zeichnen brauchten, und steht heute, mehr als siebzig Jahre später, in Ateliers, Arbeitszimmern und Küchen in ganz Europa, als wäre er gerade erst erfunden worden. Hier ist die Geschichte dahinter und eine praktische Anleitung, wie man sich seinen eigenen Eiermann-Tisch zusammenstellt.
Ein Tisch für den Zeichensaal, 1953
Egon Eiermann, 1904 geboren, gehörte zu den prägenden deutschen Architekten der Nachkriegszeit. Ab 1947 lehrte er an der Technischen Hochschule Karlsruhe, entwarf mit Sep Ruf den deutschen Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel und gab Berlin die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 1963 vollendet, mit ihren Wänden aus blauem Glas neben dem zerstörten Turm. Seine Bauten waren für ihre Stahlskelette und ihre Klarheit bekannt. Seine Möbel folgten derselben Logik.

1953 brauchte er einen praktischen Arbeitstisch, zuerst für sich selbst und dann für die Studierenden und Kollegen in den Karlsruher Zeichensälen. Die Antwort war ein Gestell aus dünnem Stahlrohr: zwei Seitenrahmen, verbunden durch ein Kreuz, das diagonal durch die Tiefe des Tisches läuft und zu einem steifen Stück verschweißt war. Gefertigt wurden die Gestelle von der Firma Max Meier und in der Metallwerkstatt der Hochschule. Die Platte war beinahe Nebensache, ein Brett, das man einfach auflegte, und genau das machte den Entwurf so wandelbar. Viele der ursprünglichen Tische sind am heutigen Karlsruher Institut für Technologie noch immer in Gebrauch.
Eiermann 1 oder Eiermann 2: Der Unterschied liegt im Kreuz
Das verschweißte Original hatte für eine wachsende Hochschule einen Nachteil: Es ließ sich nicht transportieren. 1965 zog Klaus Brunner, ein Assistent Eiermanns, nach Freiburg und wünschte sich eine Version, die man zerlegen konnte. Adam Wieland, seit 1963 Leiter der Metallwerkstatt, löste das, indem er das diagonale Kreuz in die Senkrechte kippte und lösbar mit den Seitenteilen verband. Dieses Gestell kennen wir heute als Eiermann 2. Es stammt nicht von Eiermann selbst, trägt aber seitdem seinen Namen, und für viele ist es schlicht der Eiermann-Tisch.

Wer weiß, wohin er schauen muss, erkennt die beiden sofort. Beim Eiermann 1 Tischgestell liegt das Kreuz schräg in der Tiefe des Tisches. Das ergibt die skulpturalere Silhouette und macht ihn zur Wahl der Puristen. Von der Seite gesehen laufen die Streben allerdings durch den Raum, in dem die Knie sitzen, und ein gelegentlicher Stoß gehört dazu. Beim Eiermann 2 Tischgestell steht das Kreuz senkrecht, der Raum unter der Platte bleibt freier. Es ist außerdem bei den Maßen das flexiblere: Richard Lampert, der beide Gestelle seit 1995 in Lizenz herstellt, fertigt das Eiermann 2 in den Breiten 80, 100 und 135 Zentimeter, das Eiermann 1 dagegen in einer Breite von 110 Zentimetern. Beide gibt es 66 oder 78 Zentimeter tief.
Die eine Entscheidung, die wichtiger ist als das Modell, ist die Position des Kreuzes. Ein mittiges Kreuz lässt auf beiden Seiten gleich viel Platz, richtig für einen Tisch, an dem man von beiden Seiten sitzt, etwa als Esstisch oder geteilter Schreibtisch. Ein versetztes Kreuz rückt die Streben nach hinten und schafft vorn mehr Beinfreiheit, und genau das wünschen sich die meisten von einem Schreibtisch an der Wand.
Die richtige Höhe
Dieses Detail überrascht die meisten beim ersten Kauf. Das Grundgestell ist 66 Zentimeter hoch, mit Tischplatte kommt man auf etwa 68,5 Zentimeter. Das ist eine angenehme Höhe für einen Esstisch oder für Kinder, aber niedriger, als man es von einem Schreibtisch erwartet. Für einen Eiermann-Schreibtisch ist die Version mit Höhenverlängerung meist die bessere Wahl. Verlängerungsstangen werden in die Beine gesteckt und heben die Platte in Schritten von 3,5 Zentimetern auf 72 bis 85 Zentimeter. Weil sich jedes Bein einzeln einstellen lässt, kann man die Platte damit auch zu sich hin neigen, und der Tisch wird wieder zu dem, was er einmal war: ein Zeichentisch.
Die Gestelle sind leicht, aber nicht für alles gemacht. Richard Lampert nennt eine maximale Belastung von 90 Kilogramm, reichlich für Schreibtisch und Abendessen und eine vernünftige Grenze für alle, die an eine Werkbank denken.
Die passende Tischplatte

Weil Gestell und Platte getrennt sind, besteht ein Eiermann-Tisch eigentlich aus zwei Käufen. Die Faustregel lautet: großzügiger Überstand. Die Platte sollte auf allen Seiten deutlich über das Gestell hinausragen, sonst wirkt der Tisch unfertig und die Kanten kippelig. Zu einem 78 Zentimeter tiefen Gestell passt üblicherweise eine 90 Zentimeter tiefe Platte. Auf einem 135 Zentimeter breiten Eiermann 2 Gestell liegt häufig eine Platte von 180 mal 90 Zentimetern, ein klassischer großer Schreibtisch, und die kleineren Gestelle tragen entsprechend kleinere Platten.
Die Eiermann Tischplatte gibt es in Größen von 100 mal 60 bis 200 mal 90 Zentimeter und in drei Oberflächen. Weißes Melamin ist der ursprüngliche Look, praktisch und hell unter der Schreibtischlampe. Linoleum, in Schwarz, Rot, Tannengrün, Blau und einem Steinton namens Pebble, fühlt sich warm an und schreibt sich angenehm. Massive Eiche ist die wohnlichste der drei und die naheliegende Wahl, wenn der Tisch auch Esstisch ist. Kanten in Eiche oder in der Farbe der Oberfläche entscheiden, wie grafisch der fertige Tisch wirkt.
Aufgelegt statt verschraubt: Gummistopfen und Befestigungssatz
Ganz im Sinne von 1953 wird die Platte eines Eiermann-Tisches einfach auf das Gestell gelegt. Das gehört zu seinem Reiz, denn der Tisch ist in wenigen Minuten zerlegt und überall aufgebaut, bedeutet aber auch, dass die Platte verrutschen kann, wenn man sich aufstützt oder dagegen schiebt. Es gibt zwei Wege, sie ruhiger zu machen. Kleine Gummistopfen, etwa drei Zentimeter hoch, sitzen oben in den Beinen, greifen die Unterseite der Platte und verhindern das Rutschen. Wer die Platte fest mit dem Gestell verbinden möchte, nimmt den Befestigungssatz aus dem Eiermann Zubehör.

Zum selben Zubehör gehören ein Niveauausgleich für unebene Böden, der sich in Altbauten mit Dielen lohnt, und Industrierollen für einen Tisch, der im Atelier wandern soll. Darunter hält die Eiermann Kabelrinne Ladegeräte und Stecker aus dem Blick. Sie wird ohne Werkzeug am Gestell eingehängt und kommt in denselben Farben wie die Gestelle.
Sitzen und Stehen: der höhenverstellbare Eiermann
Lange konnte der Eiermann-Tisch eines nicht: sich während der Arbeit bewegen. 2025 entwickelte der Designer Tim Schütze für Richard Lampert zwei Editionen, die das vertraute Gestell behalten und eine Höhenverstellung ergänzen. Der Eiermann 2 M Tisch arbeitet rein mechanisch: Eine Zugschnur, verbunden mit einem umlaufenden Gummiriemen, lässt die Platte zwischen Sitz- und Stehhöhe gleiten, ohne Motor und ohne Kabel. Der Eiermann 2 E Tisch erledigt dasselbe auf Knopfdruck, wahlweise mit integriertem Kabelkanal. Beide gibt es als komplette Tische mit Platten von 140 mal 80 bis 200 mal 90 Zentimeter, in Linoleum, Melamin oder Eiche.

Auch ein kleines Familienmitglied gibt es. Der Eiermann Kindertisch behält das schräge Kreuz des Originals, hat eine fest verbundene Platte und lässt sich von 55 bis 72 Zentimeter verstellen, sodass er ein Kind von den ersten Zeichnungen bis zu den Hausaufgaben begleitet.
Warum er bleibt
Man ist versucht, den Eiermann-Tisch mit seinem Aussehen zu erklären, den dünnen Linien und dem Kreuz, das man quer durch den Raum erkennt. Die bessere Erklärung ist, dass er als System entworfen wurde, lange bevor jemand dieses Wort benutzte. Gestell, Platte, Höhe und Zubehör sind getrennte Entscheidungen, und so kann derselbe Tisch der erste Schreibtisch im Studium sein, das Zeichenbrett im Architekturbüro, der Esstisch der Familie oder ein Stehpult, ohne je aufzuhören, derselbe Gegenstand zu sein. Egon Eiermann baute Kirchen und Botschaften, doch kaum eines seiner Werke wird so täglich und von so vielen Menschen benutzt wie der Tisch, den er für einen Karlsruher Zeichensaal entwarf. Das gesamte Programm findet sich unter Richard Lampert.
Bilder: Courtesy of Richard Lampert
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