Gudmundur Ludviks Backflip und der Stuhl, der an die Wand gehört
In Räumen, die mehr als einem Zweck dienen müssen, gibt es eine alte Gewohnheit: Der Stuhl verlässt den Boden. Im 19. Jahrhundert zogen die Shaker-Gemeinschaften in Amerika hölzerne Hakenleisten an den Wänden ihrer Häuser entlang und hängten fast alles daran auf, auch die Stühle, damit sich die Böden fegen und die Räume freiräumen ließen. Die Stühle hingen dabei oft kopfüber. Wie Lesley Herzberg, Kuratorin im Hancock Shaker Village in Massachusetts, erklärt hat, sollte sich so kein Staub auf der Sitzfläche sammeln.
Die Shaker kamen im späten 18. Jahrhundert aus England nach Amerika. Auf ihrem Höhepunkt im 19. Jahrhundert lebten rund 6.000 Mitglieder in fast zwei Dutzend Gemeinschaften zwischen Maine und Kentucky. Ihre Möbel sind für ihre Zurückhaltung bekannt, doch vieles an dieser Zurückhaltung war praktisch begründet. Ein Stuhl, der mehrmals in der Woche an die Wand gehoben wird, muss leicht sein, und er muss von unten ebenso durchdacht aussehen wie von oben. In den 1860er-Jahren war die Herstellung von Leiterstühlen eines der Kerngeschäfte der Gemeinschaft in New Lebanon im Bundesstaat New York.

Im dänischen Modernismus kehrte die Idee zurück. 1949 stellte Hans J. Wegner auf der Herbstausstellung der dänischen Tischlerinnung neben seinem Round Chair einen Klappstuhl vor; diese Ausstellung markierte seinen Durchbruch. Zusammengeklappt sollte der Stuhl an der Wand hängen, wo er weniger wie ein weggeräumtes Möbel wirkt als wie ein ausgestelltes Objekt.
Die meisten Klappstühle sind jedoch für den Moment entworfen, in dem sie verschwinden, nicht für die Stunden, in denen man auf ihnen sitzt. Sichtbare Scharniere, dünne Sitze und ein gewisses Wackeln sind der übliche Preis der Beweglichkeit. Gudmundur Ludvik beschreibt den Typus genau so: Klappstühle seien für ihn lange eine besondere Herausforderung gewesen, Objekte voller innerer Widersprüche, bei denen die Funktion oft auf Kosten der Ästhetik, des Komforts oder beider gehe.

Backflip, sein neuer Stuhl für HAY, der in diesem Jahr bei 3 Days of Design in Kopenhagen erstmals gezeigt wurde, setzt genau bei diesem Widerspruch an. Auf den ersten Blick ist er ein gewöhnlicher Esszimmerstuhl aus Holz, mit einem Gestell aus massiver Buche und einer Rückenlehne aus Formsperrholz. Der Klappmechanismus liegt in der Rückenlehne, und der Stuhl schließt und öffnet sich in einer einzigen, ruhigen Bewegung. Nichts an seiner Haltung deutet darauf hin, dass er nur vorübergehend gedacht ist.
Dass die Lösung in der Konstruktion liegt und nicht in Beschlägen, sagt etwas über ihren Gestalter. Ludvik wurde 1970 in Island geboren, machte eine Ausbildung zum Zimmermann und arbeitete auf dem Bau, bevor er an der Isländischen Kunstakademie Bildhauerei studierte. 1999 zog er nach Kopenhagen, um an der Königlich Dänischen Akademie Möbeldesign zu studieren, schloss 2002 ab und gründete 2010 mit seinem früheren Kommilitonen Hee Welling das Industriedesignstudio Welling/Ludvik. Heute arbeitet Ludvik in Vejle in Dänemark, mit einer Praxis, die auf genauer Kenntnis von Materialien und Herstellungsweisen beruht.

Die Materialien folgen dieser Logik. Formsperrholz entsteht aus dünnen Furnierlagen, die kreuzweise übereinandergelegt und unter Hitze und Druck in einer geformten Presse verleimt werden. Die wechselnde Faserrichtung gibt einer gebogenen Platte bei geringem Gewicht beachtliche Festigkeit, während das Gestell aus massiver Buche, einem dichten und gleichmäßigen Hartholz, die Last trägt. Backflip gibt es in naturbelassener Buche und in sechs wasserbasierten Lacken, Golden, Bronze, Cedar Green, Cloud Blue, Anthracite und Cream White; bei den meisten bleibt die Maserung des Holzes unter der Farbe sichtbar.
Es war mir wichtig, dass er sich nicht wie eine Sitzgelegenheit zweiter Wahl anfühlt oder wie etwas von geringerem Wert.

Ludvik benennt damit etwas, das Klappstühlen selten gelingt. Meist sind sie die Stühle, die für Gäste hervorgeholt und danach wieder in den Schrank gestellt werden, eine Sitzgelegenheit zweiter Klasse. Backflip soll dagegen der Stuhl sein, der jeden Tag am Tisch steht und sich zufällig auch zusammenklappen lässt. Rolf Hay, Mitgründer und Creative Director von HAY, fasst es knapp: Der Schein könne trügen, dahinter stecke etwas Kluges und Eigenständiges.
Die Backflip-Wandhalterung führt die Geschichte zurück in den Raum der Shaker. Sie ist aus Buche gefertigt und besteht aus zwei waagerechten Stäben, die einen oder zwei zusammengeklappte Stühle an der Wand halten. In Reihen aufgehängt, bilden die Stühle ein ruhiges Muster aus Farbe und Linie, und der Boden darunter bleibt frei.

Der Stuhl hat schon immer mehr getragen als den Körper. Wie ein früherer Beitrag in diesem Journal nachgezeichnet hat, stand er für Rang, Zeremonie und Zugehörigkeit, lange bevor er zum Alltagsgegenstand wurde. Der Klappstuhl gehört zu einer anderen Linie, näher am Feldlager, an der Werkstatt und am Versammlungssaal, an Räumen, die im Lauf eines Tages ihre Nutzung wechseln. HAY, das mit Gestalterinnen und Gestaltern wie Ana Kraš an Objekten für den Alltag arbeitet, sieht Backflip in privaten wie öffentlichen Räumen, für den täglichen wie für den gelegentlichen Gebrauch.

Kleine Wohnungen haben diese alte Frage wieder dringlich gemacht. Wenn ein einziger Raum zum Essen, Arbeiten und Empfangen dient, wird ein Möbel, das zur Seite treten kann, zu einer Form von Architektur. Die Shaker lösten das mit einer Hakenleiste und einer Regel über Staub. Ludvik hat es in einer Rückenlehne gelöst.

Heruntergenommen ist er ein Stuhl. Aufgehängt ist er eine Linie aus Buche an der Wand, und der Raum ist wieder leer.
Bilder: Courtesy of HAY